Donnerstag, 5. April 2018

Tallinn ist eine Reise wert!

Etwas offtopic, aber ohne p2p hätte meine Reise nach Tallinn wohl nicht stattgefunden. Jetzt kann ich nur sagen, es wird nicht mein letzter Besuch dort gewesen sein. Meine Frau und ich haben uns sofort in die Talliner Altstadt verliebt und jede Minute dort genossen.

Ankunft
Der Flughafen Tallinn ist gut zwei Flugstunden von Frankfurt entfernt. Auch von anderen deutschen Städten gibt es Direktflüge. Viele Kreuzfahrtschiffe legen in Tallinn an, aber nur ein Kurzbesuch ist eigentlich schade.
Vom Flughafen kommt man sehr einfach mit Bus oder Straßenbahn in die Innenstadt.

Verkehr
Tallinn hat ein sehr gut ausgebautes öffentliches Verkehrsnetz. Das ist für die Einwohner der Hauptstadt sogar kostenlos, für Touristen hatte man dafür angeblich die Preise erhöht. Davon haben wir aber nichts bemerkt, im Gegenteil gab es für 6€ (+2€ einmalig für die NFC-Karte) ein 5-Tages-Ticket. Da bezahle ich z.B. in Karlsruhe schon für einen Tag mehr.
Es gibt wohl auch Einzelfahrscheine beim Fahrer, aber wir sind recht viel Straßenbahn und Bus gefahren und mit dem Ticket muss man sich nur mal schnell neben die Erfassungssäule stellen - pling.


Schwarzfahren sollte man nicht - wir kamen eines Abends in eine Kontolle und das war auch ein Erlebnis. Die Staßenbahn hielt mitten auf der Strecke neben einem Minibus voller Kontolleure. Türen auf, Bahn blieb stehen bis alle kontrolliert waren, blitzschnell.
Viele der Bahnen sind alte deutsche Straßenbahnen, da liest man schon mal "Türöffner". Alles bltzblank, wie auch die Straßen ohne Müll.

Mitterlalterliche Altstadt
Ein ganzes Viertel ist noch von mittelalterlichen Gebäuden dominiert. Hier kann man sich im Wesentlichen nur zu Fuß bewegen, das tut der Atmösphäre gut. Überall gibt es Türmchen und Kirchen zu bestaunen, erstere erinnerten mich an das Carcassone-Spiel.


Zum Glück hatten wir herrliches Wetter, zwar Ende März Temperaturen um den Gefrierpunkt, aber fast immer Sonnenschein und das wunderbare Licht des Norden.


Vom Domberg hat man eine tolle Aussicht. In der Altstadt sind u.a. die ganzen Botschaften untergebracht, auf dem Domberg selbst (ein größeres Gelände mit eigener Stadtmauer) auch die Regierungsgebäude. Natürlich gibt es jede Menge Cafes, Restaurants und Touristenläden. Ich habe mir zwei Norwegerpullis (natürlich in Estland gefertigt) geleistet, zu fairen Preisen.

Restaurants sind einen Tick billiger als in Deutschland. Wir wurden stets sehr freundlich behandelt und man spricht durchgehend gut Englisch. Am Anfang wird man oft darauf hingewiesen, wie lange das Zubereiten des Essen dauern wird (war die ersten Tage kein Problem). Es gibt internationale Küche und östliche/nordische Spezialitäten.

Den ersten Teil der Woche war es noch ziemlich leer, wir hatten manche Straßen für uns alleine.


Ab Karfreitag wurde es dann sehr voll und es war kaum noch ein Platz zu finden. Außerhalb der Saison ist also ein guter Tipp.

Am Karsamstag war dann der Rathausplatz gut belebt (immer noch knapp über 0 Grad).

An der Ostsee
Ein besonderes Erlebnis, das nicht jedes Jahr zu bestaunen ist, war die zugefrorene Ostsee. Natürlich nur in Küstennähe. Man hat uns erzählt, dass zwar die großen Fähren recht gut durchs Eis kommen, es allerdings sogar eine "Straße" auf dem Eis zu den estnischen Inseln gab (auf dieser waren besondere Regeln zu beachten, z.B. nicht anschnallen). Ein paar Eindrücke:





Den echten Esten kann das natürlich nicht schocken. Da ging tatsächlich jemand im Eis schwimmen!
Wir dachten zunächst, das sind Aufnahmen für ein Werbeplakat oder so, aber das war echtes Leben:


Kultur
Natürlich gibt es jede Menge Museen, Kirchen, Galerien. Wir haben uns allerdings meistens draußen aufgehalten, nur ab und zu zum Aufwärmen ins Innere.


Tallinn war insgesamt ein überaschendes Kleinod. Ähnlich ging es mir nur vor ein paar Jahren mit Istanbul, das mir damals auch sehr sehr gut gefallen hat aber heute ja erstmal nicht mehr zu bereisen ist. Von mir 5 von 5 Sternen. Ein Top-Tipp ist auch die Stadtführung, die immer um 12h vor der Touristeninfo startet (gegen ein Trinkgeld). Die sollte man sich keinesfalls entgehen lassen.

 Alle Bilder mit meiner geliebten Sony DSC-TX30 fotografiert.

Dienstag, 3. April 2018

Erster defaulted loan bei Flender

Nach etwa einem dreiviertel Jahr absolut pünktlicher Zahlungen kam es nun zu einem Kreditausfall bei Flender, der mich allerdings nicht betrifft. Es ist nur ein sehr kleiner Kredit, so dass weiterhin 99% der ausgeliehenen Summe problemfrei zurückbezahlt wird.

Ehrlich gesagt, beruhigt mich das eher (natürlich um so mehr als dass es mich nicht tangiert). Zu nahe sind noch die Erinnerungen an lendico und zencap, wo man Spätzahlungen über viele Monate vertuscht hat.

Flender scheint Kredite recht früh als defaulted zu zählen. So berichtet man hier, dass das Geld noch längst nicht als verloren zu betrachten ist sondern man sich mit em Kreditnehmer in Restrukturierungsverhandlungen befindet. Auf das Ergebnis darf man gespannt sein. Ausfälle bei zweistelligen Zinssätzen sind natürlich einzuplanen und wenn es dann noch gelingt, wenigstens ein Großteil der ausstehenden Summe auf irgendeine Weise (und die friedliche Einigung ist davon immer die beste) zurückzugewinnen ist das absolut kein Grund, auf weitere Anlagen zu verzichten.

Zur Zeit gibt es drei Angebote. Davon sind allerdings zwei eine 2. Tranche, wo ich schon investiert bin. Ein Problem bei Flender ist es (noch), dass die Plattform noch nicht sehr bekannt ist. Zum einen ist das schön, denn man kann sich die Kredite sehr genau ansehen und cherry-picking betreiben. Zum anderen gibt es nur wenig neue Kredite und die Finanzierung zieht sich oft über Wochen hin. Während dieser Zeit ist die Anlage unverzinst.

Für Leute die Flender noch nicht kennen: es gibt immer wieder nette Cashbackaktionen mit bis zu 10%, die man nicht verpassen sollte. Außerdem gibt es, wenn man sich über einen Empfehlungslink anmeldet, einen zusätzlichen Bonus von 5% auf die Anlagesumme.

Warum ich in p2p-Kredite investiere

Ich muss hier mal eine Gegenmeinung kundtun. In letzter Zeit gab es mehrere Aussagen von Finanzblocker, warum sie nie aber auch niemals in p2p-Kredite investieren würden, z.B. https://zendepot.de/podcast/ oder http://freiheitsmaschine.com/2018/03/24/p2p-kredite-peer-to-peer/.

Blödsinn, aha. Und ETFs sind die absolute Erlösung für alle Anleger. Nun, ich will den Autoren nicht absprechen, dass sie mit manchen Argumenten zum Nachdenken anregen und nicht ganz falsch liegen. Diese Gedanke sollte man sich auf jeden Fall auch machen bevor man sein Geld bei p2p anlegt. Etwas eigene Erfahrung hätte machem Bericht allerdings auch gut getan, so wirkt das doch recht abstrakt.

So, nun aber ein paar Punkte von mir.


Gute Rendite bei überschaubarem Risiko

Bislang habe ich noch bei keiner einzigen p2p-Plattform Geld verloren. Das kann und wird wahrscheinlich noch kommen, bei zencap und vielleicht auch moneything würde ich jetzt nicht absolut darauf vertrauen, dass da am Ende schwarze Zahlen herauskommen. Quer über alle Anlagen gehe ich von 8-10% vor Steuern aus. Ich investiere nun seit 10 Jahren deutlich fünfstellige Summen. Das skaliert also durchaus.

Eine gute Streuung über mehrere Plattformen und dort jeweils in viele Kredite ist Pflicht. Ausfälle sind unvermeindlich, die zunächst erzielbaren Renditen von 12% und mehr sind auf lange Sicht unrealistisch. Aber he, da liegen Billionen zu 0,0x% auf Tagesgeldkonten und Sparbüchern! Da sind selbst 3-4% eine TOP-Performance!

Kredite sind nicht die Wurzel alles Übels

Ich kann die Moraldiskussion durchaus nachvollziehen und verschließe mich diesem Aspekt auch nicht komplett. Nicht jede gewinnbringende Anlage in payday-Kredite mit dreistelligem Zinssatz muss ich auch noch als Anleger unterstützen. Allerdings stellt eine solche Frage bei sehr vielen Anlagen, insbesondere in Aktien. Selbst der Vatikan wurde schon dabei erwischt, in die Pornoindustrie zu investieren.

Ich habe mir im Laufe der Jahre viele Gedanken darüber gemacht. Jetzt mal die Risiko/rendite-Brille ganz weggelassen. Es ist sicher sinnvoll, in Wohnungsrenovierungen zu investieren, oder die Anschaffung eines dringend für den Arbeitsweg benötigten Gebrauchtwagens. Auch Kredite für die Weiterbildung sind keine Frage. Wie sieht es aber mit der Finanzierung einer Reise aus? Sollte der Kreditnehmer diese nicht eher aufschieben, bis er sie aus dem Erparten bezahlen kann? So bin ich schließlich auch groß geworden und das Schaffe-Schaffe-Häusle-Bauen steckt auch tief in mir drin. In manchen Situationen ist es trotzdem falsch. Ich spreche jetzt nicht von einem Ballermann Urlaub, aber eine Reise ist auch immer eine Investition. Man bekommt neue Eindrücke, man lernt andere Kulturen kennen, man tankt neue Schaffenskraft. Reisen in andere Länder dienen dem Weltfrieden. Meine Meinung, und zugegeben, ich schweife ab. Jedenfalls zu einer Reise gehören Geld und Zeit. So kann es z.B. eine Phase nach dem Studium geben in dem man die Zeit zu reisen hat, vielleicht auch die Aussicht auf einen guten Job, aber halt nicht das nötige Geld.

Was ich sagen will, ist das es fast schon anmaßend ist, als Anleger, der aufgrund seiner Lage keinen Kredit braucht (und das ist immer nur zum Teil der eigene Verdienst) sich ein Urteil erlauben zu wollen, ob ein Kredit nun gut oder schlecht für den Kreditnehmer ist, ob er seinen finanziellen Ruin bedeuten wird oder ihm aus der Patsche hilft.

Früher habe ich ziemlich auf den Verwendungszweck geachtet. Das war noch bei smava und da war die Mindestanlagesumme noch 250€. Da dachte ich mir, wenn der Kredit schon später mal ausfällt, soll es wenigstens für etwas Sinnvolles gewesen sein. Ich habe viele kleine Unternehmer unterstützt. Das war aus finanzieller Sicht nicht immer das cherry-picking das sich gelohnt hätte, aber die allermeisten Kredite wurden zurückbezahlt und ich hoffe ich habe dem Kreditnehmer ein bisschen geholfen.

Auch heute investiere ich noch einen beträchtlichen Teil nicht in Konsumentenkredite sondern in Unternehmen. Bei den Konsumentenkrediten der ersten Jahre waren es oft Umfinanzierungen von Kreditkartenüberziehungen oder Dispokrediten. Manche mag das weiter in die Schuldenfalle getrieben haben, die sind später ausgefallen. Für viele aber war es auch eine Erleichterung durch deutlich geringere Zinsen oder wenigsten kleinere Raten durch einen längeren Zahlungszeitraum.

Zinsen spiegeln immer das Ausfallrisiko wieder. Wenn überhaupt muss man also die Gier nach einer übrigbleibenden Rendite von weit über 5% anprangern. 


Vorteil Cashflow

P2P-Anlagen funktionieren grundlegend anders als Aktien und deren Derivate. In manchen Situationen ist das durchaus ein großer Vorteil. So hatte ich, als ich beschlossen hatte meine Investitionen bei smava und auxmoney auslaufen zu lassen, über viele Monate hinweg einen zusätzlichen Zahlungsstrom von über 1000€/Monat. Habe ich dann andersweitig wieder angelegt. Wäre aber auch eine gute Möglichkeit einen um ein paar Jahre vorgezogenen Ruhestand zu finanzieren (ist ehrlich gesagt mein Plan), Das ist ganz gut kalkulierbar, solange man einen gewissen Puffer als Zahlungsverzug einplant. Und geht natürlich nur mit Krediten, die Tilgungen leisten.


Das Risiko

Ich finde die Aussage das p2p-Kredite im Vergleich zu Aktien/ETFs riskanter sind, reichlich naiv. Zum einen sollte man das eine tun und dabei das andere nicht lassen. Mein Aktiendepot ist immer noch größer als meine p2p-Anlage (und ich habe noch andere Investmentklassen).

Kursschwankungen habe ich bei p2p-Kredite  schon mal so gut wie keine, d.h. die Liquidität ist (zumindest zu einem Anteil von sagen wir einmal 50%) sehr viel besser. Natürlich hat man das Problem mit den Ausfällen. Mal abgesehen von denen (je nach Plattform eher seltenen), wo das Geld ganz futsch ist, dauert es dann sehr sehr lange, bis man einen Teil oder alles wiedersieht. Aber ich hatte auch schon etliche Zeiträume, zu denen ich mein angelegtes Geld nicht aus den Aktienanlagen herausbekommen hätte. Egal ob man in Einzelwerte, Fonds oder Indexzertifikate investiert.

Und ETFs sollen kein Risiko haben? Also bitte. Dass Aktien auf lange Sicht immer ein gutes Investment waren, ist unbestritten. Aber Derivate bringen immer auch ihr eigenes systemisches Risiko mit sich. Wenn das Volumen das der Aktien selbst deutlich übertrifft, kann das im Fall einer Krise zu einem deutlich verstärkenden Faktor werden, der das ganze Bankensystem selbst erschüttert.

Wer the big short gesehen hat, weiß, dass man selbst wenn man auf der richtigen Seite der Wette steht, mitunter nichts mehr davon hat. Wer hat denn schon vor 15 Jahre Lehmann-Papiere für riskant gehalten? Niemand. Ich will hier wirklich niemand irgedetwas madig machen, aber es ist eine Binsenweisheit dass hohe Rendite stets mit hohem Risiko korreliert. Es gibt nichts geschenkt. Das gilt für p2p, das gilt für andere Anlageformen. Deshalb sollte man ja streuen.

Es ist mir völlig klar, dass ich im Fall des Zusammenbruchs der p2p-Plattform ein Problem haben werde und dass es für mich als Privatperson gar nicht möglich ist, dieses Risiko einzuschätzen. Egal ob es sich um unbesicherte Konsumentenkredite oder Mogo-Kredite handelt, wo ein Gebrauchtwagen als Sicherheit hinterlegt ist. Ich habe weder Zeit noch Möglichkeit, in Estland, Polen oder wo auch immer durch die Gegend zu fahren und auf meine 10€-Anteile zu pochen. Da wird also jemand einspringen müssen und die Angelegenheit für uns regeln. Das wird Geld kosten. Ich bin sehr gespannt, was passieren wird, wenn da mal ein solcher Fall eintritt. Bis dahin beruhigt es mich, dass mein Geld auf mindestens ein halbes Dutzend Plattformen verteilt ist und meine bisherige Rendite schon einen Ausfall einer einzigen Plattform kompensieren kann. Und wenn alle ausfallen - haben wir glaube ich ein anderes Problem.


Passive Anlage

Man kann p2p als weitgehend passive Anlageform betreiben. Also alles auf Autoinvest (geht nicht bei jeder Plattform), einmal im Vierteljahr 1-2 Stunden checken, gut ist. Ob das die Rendite spürbar senkt, ist noch nicht einmal erwiesen.

Man kann auch ein Hobby daraus machen. Das gilt so für jede Geldanlage. Am Anfang ist der Wissenzuwachs wirklich enorm, und man sollte schon ein paar Wochen sich mit der Materie beschäftigen, wenn man mit mehr als ein paar Hundertern einsteigen will. Dann ist aber auch gut und man hat herausgefunden wie der Hase läuft. Zum Glück gibt es hervorrgende Foren, in denen man auf dem Laufenden gehalten wird und ab und zu auch Fragen stellen kann.


Mein Fazit

Ich bin froh, dass ich diese Anlageform vor zehn Jahren gefunden habe. Meine Rendite ist sehenswert und mein Wissen rund um Geldanlagen hat sich enorm vergrößert. Ich habe Spaß daran, mich mit dieser Anlageform zu beschäftigen und ich sehe mich nicht nur als Kapitalisten sondern hoffe, den Kreditnehmer auch ein wenig geholfen zu haben.


Montag, 2. April 2018

Ein Blick auf Estland aus Investorsicht

Nachdem wir insgesamt, hauptsächlich bei Bondora und Estateguru, insgesamt 5stellige Beträge in diesem Land investiert haben, nutzten wir unseren Trip nach Tallin natürlich auich dazu, ein paar Informationen über die wirtschaftliche Situation zu sammeln. Das meiste hätte man natürlich auch zuhause auf dem Sofa recherchieren können. Aber ein Blick vor Ort gibt einem auch ein Gefühl für Land und Leute, das mir als Investor ebenfalls wichtig ist.

 Die Flagge auf dem Langen Herrmann, Teil des
Parlamentsgebäudes zeigt wer in Estland das Sagen hat.

Einen Einblick in der Geschichte gab es auf unserer gut zweistündigen Altstadttour mit der charismatischen Guide Heli, die Informationen gib es natürlich auch im Web. Deshalb nur ganz kurz: Estland liegt ganz im Osten von EU-Europa, Tallinn ist nur etwa 80km von Helsinki entfernt, und Estland ist nach vielen Jahrhunderten wechselnder Besetzung erst sein 1990 (für längere Zeit) unabhängig. Estland ist Mitglied der EU und der Nato, hat seit 2011 den Euro, ist eine zuverlässige Dewmokratie und verfügt über ein hervorragendes Bildungssystem. Über die Hälfte der jungen Leute machen einen Universitätsabschluss. Esten sprechen zumeist perfekt Englisch (die Spielfilme im Fernehen haben noch nicht einmal Untertitel - selbst die lohnen wohl bei einer guten Million umfassenden Zielgruppe nicht). Sie sind weltoffen, modern und stolz auf ihr digitales Land. Estland hat kaum Rohstoffe, so ist man auf den Dienstleistungssektor angewiesen. Neben z.B. Skype und transferwise sind dort viele fintecs angesiedet, einige große Firmen haben die Softwareentwicklung nach Tallinn ausgelagert und die Startupquote pro Einwohner ist schon seit Jahren die höchste in Europa. Religion spielt so gut wie keine Rolle.

Auf mich wirkten die Esten freundlich, gelassen, aber zupackend. Das öffentliche Nahverkehrssystem (Buisse und Straßenbahn) ist vorbildlich, für die Ortsansässigen kostenlos und selbst für Touristen ausgesprochen preiswert. Die Infrastruktur funktioniert und ich kann mir vorstellen, dass insbesondere Tallinn noch einiges Entwicklungspotenzial bietet. So gibt es noch viele alte Gebäude, die renovierungsbedürftig sind aber gut gelegen.

Eine sehr gute Zusammenstellung über wirtschaftliche Fakten findet man auf der Seite https://www.visittallinn.ee/ger/tourist/planung/gut-zu-wissen/tallinn-und-estland, ganz unter unter "Lesen Sie weiter" ist eine 50seitige PDF-Broschüre verlinkt, in der sehr viel Wissenswertes steht.

Das durchschnittliche Bruttomonatsgehalt von etwa 1300€ ist nicht sehr üppig. Die Preise zumindest in Tallinn liegen nur sehr wenig unter dem Niveau in Deutschland. So kostet ein halber Liter Bier im Restaurant auch um die 5€, ein Essen insgesamt in der Altstadt 20€. Wir haben ein Kaufhaus, mehrere Supermärkte und zwei Märkte u.a. mit Lebensmitteln angesehen - auch da gibt es nichts was deutlich günstiger ist als bei uns. Das mag auf dem Land anders aussehen.Wie da eine vierköpfige Familie mit 71€/Woche für Lebensmittel hinkommt war mir nicht so ganz klar. Und 406€ durchschnittliche(!) Altersrente ist wirklich bescheiden.


99,9 % der Banküberweisungen werden elektronisch getätigt und 96,3 % der Steuererklärungen wurden in 2016 elektronisch eingereicht.

Das beeindruckt wirkt aber glaubwürdig. Das spricht natürlich auch dafür, dass p2p-Plattformen in Estland eine ganz andere Reichweite haben werden als z.B. in Deutschland - konkurrenzfähige Konditionen vorausgesetzt. Das nannte dann Matt von Bondora auch als Stärke: einfach, unbürokratisch, zuverlässig. Führt zu einer hohen Kundenbindung auf der Kreditnehmerseite. Und spricht sich natürlich rasch herum.

Altes und Neues sind oft in perferkter Symbiose zu sehen:

 das gilt für die ganze Stadt.


Insgesamt macht Estland für mich einen sehr positiven Eindruck. Deutsches Kapital spielt noch keine große Rolle (das werde ich auch nicht ändern können), es gab aber soweit ich das erkennen konnte keinerlei Ressentiments gegenüber Deutschen - trotz der Geschichte. Gegenüber Russland hat man da viel größere Vorbehalte, obwohl in Tallinn immer noch gut 1/3 der Einwohner russische Staatsangehörigkeit haben.

Ich sehe weiterhin große Entwicklungsmöglichkeiten, auch wenn mir das geringe Einkommen bei vielen Krediten nicht unbedingt gefällt.

Sonntag, 1. April 2018

Tere (hallo) Bondora!


Ich habe drei Blogeinträge geplant:
1.       Besuch bei und Gespräch mit Bondora
2.       Reisebericht Tallinn
3.       Mein Eindruck von Estland aus Investorsicht

Bondora hatte uns, also mich und meine Frau die ebenfalls bei Bondora investiert ist, in der Woche vor Ostern zu einem Investorgespräch eingeladen. Vermutlich weil ich immer sehr viele Fragen stelle. Und nicht wenig investiert habe und eine ziemlich gute Performance erziele.


 Ja, draußen war es kalt.

Gesprochen habe ich hauptsächlich mit Matt vom Investorrelation, mit einem IT-Spezialisten und am Ende mit einem Datenanalyst. Natürlich gab es eine Büroführung, aber dazu kennt ihr wahrscheinlich das Video von AktienMitKopf (https://www.youtube.com/watch?v=8CUBwlBrEMQ)

Wir sind mit dem Bus zu Bondora gefahren. Das Büro ist in einem Startup-Towers im Süden von Tallin zu finden, in 15 Minuten und etwas Fußweg. Bondoras Büroräume sind im 3. Stock, es gibt einen Servicebereich (Kundenbetreuung) und einen Entwicklungsbereich.




Ich hatte einige Fragen mitgebracht und weitere ergaben sich im Gespräch. Die Atmosphäre war sehr freundlich, offen und konstruktiv. Ich hatte den Eindruck man versuchte mir ehrlich zu antworten.

Aktueller Stand und Pläne

Bondora hat nun etwa 50 Mitarbeiter. Das möchte man nun stabil halten. Ein neues Produkt (go&grow) ist gerade in der Test- und Optimierungsphase, es handelt sich um so etwas ähnliches wie einen Bond mit einer Verzinsung im oberen einstelligen Bereich, steuerlich attraktiver, ich weiß allerdings weder ob der Zinssatz fest noch ob er garantiert sein wird. Ich habe darauf hingewiesen, dass es bei ablrate ein ähnliches Produkt gibt und dass man aus Anlegersicht auf Liquidität achten solle. Mittelfristig arbeitet man an einer Banklizenz. Weitere neue Produkte sind gerade nicht in der Planung, auch keine Expansion in weitere Länder. Insbesondere ist auch nicht angedacht, Bondora zu verkaufen. Finde ich gut so.

Nachfrage an Krediten und verfügbares Geld

Laut Statistik sind gut 120 Mio Kapital verliehen, wenn ich mich richtig erinnere nannte Matt eine deutlich höhere Zahl an Anlegergeldern. Es gibt institutionelle Anleger, diese machen allerdings nur etwa 5% der Anlegegelder aus. Das möchte man auch gerne in diesem Verhältnis lassen, man sucht also nicht aktiv nach weiteren Großinvestoren. Grund dafür ist u.a. das ein Abzug sehr großer Summen innerhalb kurzer Zeit dann ein großes Problem werden könnte.

Wie jeder Anleger weiß, macht Bondora viel Werbung wir sollen doch Freunde als Anleger werben. Andererseits bekommt man ja längst nicht jede gebotene Summe auch investiert. Für mich ein gewisser Widerspruch, der auch nicht ganz aufgelöst werden konnte. Einerseits ist das Verhältnis Angebot-Nachfrage im Moment ganz ok, zum anderen könnte man deutlich mehr Kreditnachfrage befriedigen, falls mehr regelmäßiges Anlegerkapital verfügbar wäre (die Rede war hier von ca. 3Mio/Monat die man ohne große Anstrengung akquirieren könnte).

Warum werden Angebote auf dem Zweitmarkt sofort durch PM aufgekauft (current, zu par)? Man möchte die Liquidität sichern, das ist für viele Anleger wichtig. Und ich glaube in der Summe für die Käufer auch kein schlechtes Geschäft, auch wenn ich manche Kredite nicht kaufen würde.

Anregungen von mir: Ein Erstmarkt, bei dem zumindest manche Kredite wieder wirklich sichtbar wären, wäre hilfreich und im Sinne von people2people.Ich würde die Werbeprämie in jeweils 2,5% aufteilen, dann wäre auch der Anreiz für Erstinvestitionen höher. Und natürlich – immer wieder im Gespräch – die Bitte um mehr Transparenz, mehr Erklärungen warum manche Änderungen erfolgen etc.

Die Technik hinter dem Ganzen

Das Gespräch mit dem Entwickler war sehr interessant. Mich hat zunächst beeindruckt, dass er bei praktisch allen angesprochenen Problemen sofort wusste, was ich meine. Es leuchtet ein, dass gewisse Implementierungen Zeit brauchen und ich fand es ein gutes Zeichen, dass man sie wenigstens auf dem Schirm hat und daran arbeitet. Programmiert wird in .net, nach der Technik zu fragen habe ich vergessen.

Das API funktioniert im Wesentlichen ganz gut und man wird ASAP eine einfache Statusseite einrichten, auf der zumindest zu erkennen ist ob gerade eine Wartung durchgeführt oder ein momentanes Hängen vorliegt. Ich habe angeregt, noch einen Endpoint für den accountStatement zu schaffen und ein paar zusätzliche Datenfelder unter Investments. Für mich wichtig wären DateOfDefault und Markup, falls der Anteil zum Verkauf steht.

Die Sache mit den Centbeträgen ist im Moment nicht optimal gelöst, man ist da mitten in einer Umstellung. Dann werden,wie z.B. bei Mintos üblich, auch Centbruchteile gebucht. Das gilt für Rückzahlungen und collection fees.

Die collection fees werden tatsächlich pauschal nach dem Gießkannenprinzip erhoben. DCAs sind inzwischen schon wieder Geschichte, aber es ist nachvollziehbar, das Bondora nicht profitabel arbeiten kann, wenn man all die Gerichtsgebühren etc. selbst trägt oder vorstreckt. Auch die Kreditnehmer werden natürlich an den Kosten beteiligt, soweit das gesetzlich möglich ist. Gerade in diesem Bereich habe ich mehr Transparenz angemahnt. Insgesamt ist man sehr optimistisch, dass sich die Recoveryquote mittelfristig deutlich verbessert. Schaun wir mal. So wirklich schlecht ist Bondora bei meinen Krediten schon jetzt nicht, aber mehr wäre auf jeden Fall besser.

Beim Rating setzt man stark auf die Lernkurve, wodurch sich dieses beständig verbessern sollte. Man sieht sich die Entwicklung zwischen Ist und Soll monatlich an, die notwendigen Anpassungen sind allerdings deutlich weniger geworden. Inzwischen geht die Verarbeitung weitestgehend automatisiert während man früher manuell nachsteuerte.

Meine Frage, wie das überhaupt geht, innerhalb von Minuten eine sinnvolle Kreditentscheidung zu treffen ergab eine sehr interessante Antwort. Abgesehen davon, dass man hunderte von Kriterien in die Bewertung einfließen lässt (z.B. benutztes Endgerät, Verhalten während des Beantragungsprozess…) kommt man in Estland sehr einfach an die Daten über den potentiellen Kreditnehmer: ist alles auf der Chipkarte des Personalsausweises gespeichert. Alles. Kreditgeschichte, Gesundheitsgeschichte, Bankverbindungen, Kontostände, Steuerdaten. Unglaublich. Mit dem Ding kann man weltweit wählen, Geld überweisen, zum Arzt gehen, Paybackpunkte sammeln… da steht mehr über dich drin als in facebook. Und die Esten sind sehr stolz auf ihr IT-System. Kann man jetzt so oder so sehen, aber Bondora hilft das natürlich. Das ist auch ein Grund dafür, warum das Rating in Estland so gut funktioniert und warum man nicht ohne weiteres in weitere Länder expandieren kann.

Auch kriminelle Fälle versucht man auf diese Weise zu minimieren. Man kann sich z.B. vorstellen, dass kriminelle Individuen sehr zielstrebig durch den Antrag gehen oder so. Im Zweifelsfall vergibt man eher keinen Kredit, in Spanien kommen inzwischen z.B. nur noch ein Promille der Antragsteller ohne Kreditvorgeschichte überhaupt und nur mit kleinen Summen zum Zug.

Scoring und Pricing

Bondora hat ja den Anspruch, für beide Seiten faire Zinssätze anzubieten. Das war nicht immer so – eine Zeitlang gab es z.B. pauschal 28% (goldene Zeiten bis zur unweigerlichen Geldschwemme mit langen Warteschlangen für die Anleger). Aus den Daten der Vergangenheit hat man nun viele statisch-mathematische Modelle gebildet.
Sehr wichtig sind die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kredit bereits ausfällt ohne je eine Rate bezahlt zu haben, die Ausfallwahrscheinlichkeit im ersten Jahr und das erwartete recovery nach einem Ausfall. Daraus versucht man ein Modell für die Rückzahlsumme während der Laufzeit zu bilden. Diese im Mittel erwirtschaftete Summe soll nun für den Kreditgeber die Rückzahlung plus Rendite ergeben, bei einem AA- Kredit z.B. 8% pro Jahr, bei den schlechteren Bonitäten etwas mehr (dazu steht ja einiges im Bondora Blog). Klingt alles ziemlich plausibel.

Meine Frage nun, warum es keine HHR-Kredite in ES mit 200%+-Zinsen und keine estnischen HR und F-Kredite mehr gibt. Antwort: Bondora hat gelernt (naja, dass müssen ihnen die Computer sagen. Haben viele von uns ja schon seit Jahren so gesehen) dass dies keine so gute Idee war. Sehr hoch verzinste Kredite führen zu einer Negativselektion der betroffenen Kunden. D.h. die die ernsthafte Zahlungsabsichten und ein bisschen Grips im Kopf haben, merken schnell, dass sie sich einen solchen Kredit in der Regel nicht leisten können. Die anderen, naiver oder weniger ehrlich, greifen zu. Höhere Ausfälle, noch höhere erforderliche Zinssätze, Eskalationsspirale.
Gute Entscheidung.

Steuern

Hatte ich zunächst ganz vergessen. Über Steuern in Deutschland haben wir auch ausführlich gesprochen. Über den aktuellen Stand, wo man Verluste nicht gegenrechnen kann. Über die drohende Veränderung, dass die Abgeltungsstuer durch den persönlichen Spitzensteuersatz ersetzt werden wird. Und über den unbrauchbaren TAX-Report von Bondora, der Zweitmarktgewinne ausweist, die keine sind. Solange man den mit Rabatt gekauften Kreditanteil nicht verkauft oder mehr als der Kaufpreis getilgt hat. Eine korrekte Implementierung habe ich dargelegt, auch wenn wir uns einig waren, dass diese schwierig werden wird. Da hat Bondora einiges zum Nachdenken.

Fazit

Das Gefühl „das haben wir doch schon lange gewusst“ verlässt mich während des Gesprächs oft nicht. Aber nach vorne schauen. Die jetzige Sichtweise deckt sich ziemlich mit meiner und das ist gut so. Ich sehe Bondora gut aufgestellt mit einer klaren Linie, ernsthaftem Interesse für die Belange der Anleger und insgesamt als sympathisches Unternehmen, das die Interessen aller drei Gruppen (Anleger, Kreditnehmer, eigene) zusammenbringen will. Auch das ist für mich wichtig. Jetzt noch ein bisschen mehr Offenheit und Transparenz, dann kann ich auch mit langfristig sinkenden Renditen gut leben.